Bückeburg (Niedersachsen)

Datei:Bückeburg in SHG.svg Bückeburg ist eine Stadt im niedersächsischen Landkreis Schaumburg mit derzeit fast 19.000 Einwohnern – zwischen Hannover (im NO) und Bielefeld (im SW) gelegen (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Bückeburg war seit den 1640er Jahren Residenzstadt der Grafschaft Schaumburg-Lippe, ab 1807 des gleichnamigen Fürstentums.

Die erste Anwesenheit von Juden in Bückeburg ist ab den 1630er Jahren urkundlich belegt; dabei handelte es sich um sehr wenige Familien, die fürstliche Schutzbriefe besaßen, welche es ihnen gestatteten, in der Residenzstadt zu wohnen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/2/2a/B%C3%BCckeburg_Merian.jpg/400px-B%C3%BCckeburg_Merian.jpg Bückeburg - Stich, um 1660 (aus: wikipedia.org, CCO)

Im Laufe des 17. und beginnenden 18.Jahrhunderts mussten die Juden Bückeburg wieder verlassen; um 1730 wurde ihnen erneut eine Ansiedlungserlaubnis erteilt. Bis weit ins 18.Jahrhundert bestritten die jüdischen Familien ihren Lebensunterhalt zumeist mit Handel und Geldgeschäften; zudem versorgten einige „Hofjuden“ den fürstlichen Haushalt. Bereits in den 1660er Jahren scheint sich eine kleine jüdische Gemeinde konstituiert zu haben, die ihre Gottesdienste über lange Zeit in Privaträumen abhielt. Ab 1866 gab es in der Bahnhofstraße einen Synagogenneubau, und die alte Betstube in dem Haus Lange Straße 59 wurde aufgegeben. Die feierliche Einweihung der Synagoge fand in Anwesenheit von Vertretern der fürstlichen Regierung statt.

                                     Ehem. Synagogengebäude (Aufn. um 1955, Stadtarchiv)

Auch eine, bereits um 1700 erstmals erwähnte, kleine Religionsschule hat es in Bückeburg gegeben. In den 1860er Jahren richtete die Kultusgemeinde dann im Synagogengebäude eine Elementarschule ein, die aber nur für etwa 20 Jahre existierte. Danach besuchten die jüdischen Kinder die städtische Schule, nur Religionsunterricht wurde weiterhin von einem von der Gemeinde bestellten Lehrer erteilt.

Ein eigener Begräbnisplatz „Am Harrl“ stand den Gemeindeangehörigen ab 18.Jahrhundert zur Verfügung; erstmalig erwähnt wurde das Gelände aber erst 1793.

270_008_7871365_bSchmoef3_1705.jpg jüdischer Friedhof und Blick auf Bückeburg - Stich (aus: Schaumburger Zeitung vom 18.5.2016)

Zur Gemeinde gehörten auch die in den Ämtern Bückeburg und Arensburg ansässigen Juden.

Juden in Bückeburg:

         --- um 1635 ........................   6 ‘Schutzjuden’,

    --- um 1700 .................... ca.   7 jüdische Familien,

    --- um 1765 ........................  14     “       “   (ca. 90 Pers.),

    --- um 1850 ........................  15     “       “    ,

    --- 1910 ........................... 110 Juden,

    --- 1925 ...........................  60   “  ,

    --- 1933 ....................... ca.  60   “  ,

    --- 1939 ...........................  39   “  ,

    --- 1944 ...........................   4   “  ,*      * in ’Mischehe’ lebend

Angaben aus: Dieter Brosius, Die schaumburg-lippischen Juden 1848 - 1945

und                 Rotraud Ries, Synagogengemeinde Bückeburg

Mit dem 1848 in Kraft getretenen Emanzipationsgesetz waren die Juden keine Untertanen zweiter Klasse mehr, sondern in rechtlicher und politischer Hinsicht der christlichen Mehrheit gleichgestellt. Trotzdem blieben private und gesellschaftliche Kontakte zwischen jüdischen und christlichen Bückeburgern eher eine Ausnahme. Erst im ausgehenden 19.Jahrhundert erfolgte eine Integration der Juden in die kleinstädtische Bevölkerung. Mit der nach 1920 abnehmenden Zahl der Gemeindemitglieder fanden jüdische Gottesdienste nur noch unregelmäßig statt, und ab 1932 bildete man zusammen mit den jüdischen Familien aus Obernkirchen und Rinteln einen Gemeindeverband. Ihren Lebensunterhalt bestritten die Bückeburger Juden in den 1920/1930er Jahren vor allem in händlerischen Berufen; außer einem Zahnarzt und einem Bankier gab es 1933 elf jüdische Kaufleute. Kurze Zeit nach der NS-Machtübernahme gehörten auch zwei Juden zu den insgesamt 25 politischen Gegnern, die auf Grund der „Verordnung zum Schutz von Reich und Staat” in „Schutzhaft“ genommen wurden; drei weitere Juden Bückeburgs wurden wenig später inhaftiert. Nachdem bereits am 25.März 1933 der Reichspropagandaleiter der NSDAP in Rinteln, Ernst Koch, die Parteimitglieder in der „Schaumburger Zeitung“ dazu aufgerufen hatte, „Personen namhaft zu machen, die in jüdischen Geschäften kaufen”, begann drei Tage später in Bückeburg der Boykott - also noch vor dem Datum des reichsweit festgesetzten Tages. SA-Posten zogen vor jüdischen Geschäften auf. Proteste der Bückeburger Juden beim hiesigen Bürgermeister Wiehe hatten wenig Erfolg, da dieser vom NSDAP-Ortsgruppenleiter Gebbers, dem späteren Landrat von Stadthagen und Bückeburg, ‚überstimmt’ wurde. Die nationalsozialistische Tageszeitung „Die Schaumburg” berichtete am 29.März über den Boykott jüdischer Geschäfte in Bückeburg und drohte, jeden Deutschen namhaft zu machen, der weiterhin in jüdischen Geschäften einkaufen würde: „Wer beim Juden kauft, ist ein Verräter an der deutschen Sache und wird als solcher behandelt werden.” Als Begründung der antijüdischen Maßnahmen wurde die „Greuelhetze“ der im Ausland lebenden Juden gegen Deutschland angeführt. Die Bückeburger jüdische Gemeinde veröffentlichte dann am folgenden Tage eine Bekanntmachung:

“ Tief erschüttert sind wir hiesigen Juden über die Greuelhetze im Auslande gegen unser deutsches Vaterland. Wir verabscheuen diese haarsträubende Propaganda genau so wie unsere christlichen deutschen Mitbürger. Wir haben stets Liebe zu unserem Vaterlande empfunden und bewiesen. Wir haben im Weltkriege für unser Vaterland gekämpft und unsere Pflicht getan. Der Boykott geschäftlicher und persönlicher Art trifft uns unverschuldet. “

(aus: „Lippsche Landeszeitung” vom 30.3.1933)

Der der DNVP angehörende Bückeburger Bürgermeister Karl Wiehe*, der, was die antisemitischen Maßnahmen anging, gewisse Distanz zu den Nationalsozialisten hielt, wurde 1935 seines Amtes enthoben bzw. in den Ruhestand versetzt. Grund dafür war, dass sich Familienmitglieder beim Ausverkauf der jüdischen Kaufhauses Weihl beteiligt hatten. Nachdem dies in der Presse bekannt gemacht worden war, organisierte die NSDAP eine „spontane“ Kundgebung gegen den seit 1912 amtierenden Bürgermeister. Hauptverantwortlicher für die Hetzkampagnen gegen Karl Wiehe war der NSDAP-Abgeordnete und Zeitungsredakteur Adolf Manns, der bald eine führende Rolle in Schaumburg spielte. Nachfolger Karl Wiehes im Bürgermeisteramt wurde dann der fanatische Antisemit Albert Friehe.

* Anm: Anderen Angaben zufolge war Karl Wiehe „von Jugend an antisemitische eingestelltund hat als „DNVP-Mitglied der ersten Stunde“ sich dieser Haltung auch verpflichtet gefühlt.

Den vorläufigen Höhepunkt der Verfolgungsmaßnahmen bildeten die gewaltsamen Vorgänge der Reichspogromnacht, die in Bückeburg mit leichter zeitlicher Verzögerung einsetzten. In der Nacht vom 10./11.November 1938 wurde der Betsaal der Synagoge in Brand gesteckt; nach einer Stunde ließ man das Feuer ‚kontrolliert ausgehen’. Bereits Tage zuvor war es hier schon zu Verwüstungen gekommen. Wohnungen jüdischer Familien waren in Bückeburg von Zerstörungen allerdings nicht betroffen. Das Synagogengebäude wurde wenige Jahre später von der Stadt erworben, danach diente es der Wehrmacht als Schulungsgebäude der Heeresmusikschule. Vier jüdische Männer aus Bückeburg wurden ins KZ Buchenwald eingeliefert, zwei Wochen später wieder freigelassen unter der Bedingung, ihre Ausreise aus Deutschland vorzubereiten. Ab Sommer 1939 mussten die jüdischen Bürger Bückeburgs ihre Wohnungen verlassen und wurden in „Judenquartiere“ zwangseingewiesen. Solche „Judenhäuser“ befanden sich in der Obertorstraße 6, der Langen Straße 54 und der Bahnhofstraße 33 bzw. dem Synagogengebäude. - Um die Auswanderungen zu forcieren, verlangte der Bückeburger Bürgermeister Albert Friehe in einem Bericht an die Landesregierung: „ ... Um die Abwanderung der Juden in Bückeburg mit allen Mitteln zu beschleunigen, erscheint es mir geboten, die Juden zu zwingen, diesen (ihren) Grundbesitz zu veräußern.” Wer nicht in die Emigration entkommen konnte, wurde von den im Dezember 1941 beginnenden Deportationen erfasst. Über das Sammellager im „Gasthaus Kyffhäuser“ in Bielefeld erfolgte die „Umsiedlung in den Osten“. Der letzte Transport führte nach Theresienstadt. Nur vier „in Mischehe“ lebende Juden mit ihren Kindern konnten bis 1944 in der Kleinstadt bleiben, danach wurden sie zum Arbeitseinsatz nach Bielefeld gebracht und von dort noch im Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert. Von insgesamt 71 verschleppten jüdischen Gemeindeangehörigen überlebten nur fünf den Holocaust.

Auf dem ca. 3.400 m² großen jüdischen Friedhofsgelände - im Jahre 1950 wieder instand gesetzt und in den Folgejahrzehnten mehrfach geschändet - weist heute noch ca. 170 Grabstätten auf.

 Bückeburg Grabsteine jüdischen Friedhof.jpg

Jüdischer Friedhof Bückeburg (Aufn. Gmbo, 2015 bzw. Aufn. 2013, aus: wikipedia.org, CCO)

Hinter dem Stadthaus wurde aus Anlass des 50.Jahrestages des Novemberpogroms ein Gedenkstein zur Erinnerung an die einstigen jüdischen Bürger Bückeburgs aufgestellt. An der Fassade der ehemaligen Bückeburger Synagoge in der Bahnhofstraße - heute ist das Gebäude im Besitz der „Zeugen Jehovas“ - erinnert seit Mai 1997 eine Gedenktafel an die einstige Bestimmung. Lange Jahre wurde das Anbringen einer solchen Tafel zu verhindern versucht, bis die Initiative einer Schülergruppe von der Herderschule Bückeburgs schließlich Erfolg hatte.

  Alte Synagoge Bückeburg (aktuellerZustand).jpg

Ehem. Synagogengebäude (Aufn. Archiv Landeszeitung u. Aufn. F., 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Mittlerweile ist das Gebäude an der Bahnhofstraße seitens der "Zeugen Jehovas" verkauft worden; der neue Besitzer beabsichtigt, das Haus zu sanieren und wieder in seine ursprüngliche äußere Form zu versetzen. 2019 wurde hier eine neue Gedenktafel angebracht, die die Worte trägt: „Dieses Gebäude wurde 1866 als Synagoge erbaut. Mit dem Pogrom vom 9.11.1938 erlosch das Leben der jüdischen Gemeinde in Bückeburg.“

Ca. 40 sog. „Stolpersteine“ erinnern in Bückeburg an die Wohnstätten ehemaliger jüdischer Familien.

Stolperstein für Manfred Rautenberg Stolperstein für Ruth Rautenberg Stolperstein für Erwin Rautenberg verlegt in der Schulstraße (Aufn. G., 2015, aus: wikipedia.org, 2015)

              ... und in der Sackgasse u. Gartenstraße  Stolperstein für Ida Bonwitt Stolperstein für Paula Philippsohn Stolperstein für Heinz Philippsohn

Auf Betreiben der Herderschule wurde dem Pastor Wilhelm Mensching (1887-1964) von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem posthum die Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern“ verliehen. Mensching hatte 1943/1944 eine verfolgte Berliner Jüdin vor dem Zugriff der Nationalsozialisten bewahrt und sie in seinem Pfarrhaus in Bückeburg-Petzen versteckt. In seinem Geburtsort Lauenhagen erinnert heute ein Gedenkstein den Pastor, der zudem als Missionar in Afrika tätig war und durch sein internationales Wirken gegen Kolonialismus und Nationalismus bekannt geworden ist.

                   Im Jahre 2006 zählte die kleine jüdische Kultusgemeinde im Landkreis Schaumburg ca. 60 Mitglieder.

Weitere Informationen:

Hans-Heinrich Hasselmeier, Die Stellung der Juden in Schaumburg-Lippe von 1648 bis zur Emanzipation, in: Schaumburger Studien XIX, Bückeburg 1967

Dieter Brosius, Die schaumburg-lippischen Juden 1848 - 1945, in: Schaumburg-Lippische Mitteilungen 21/1971, S. 59 - 98

Michael Günter, Die Juden in Lippe von 1648 bis zur Emanzipation 1858, in: Sonderveröffentlichungen des Naturwissenschaftlichen und Historischen Vereins für das Land Lippe 20, Detmold 1973

Bernhard Brilling, Jüdische Goldschmiede in Bückeburg im 19.Jahrhundert - Ein Beitrag zur Geschichte der Juden in Bückeburg, in: Schaumburg-lippische Mitteilungen 24/1978, S. 105 - 127

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Niedersachsen II (Regierungsbezirke Hannover und Weser-Ems), Pahl-Rugenstein Verlag, Köln 1986, S. 93 f.

Gerd Steinwascher/Matthias Seeliger, Bückeburg, Düsseldorf 1986

Carolin Weichselgartner, Die Synagoge in Bückeburg, in: Schaumburg-Lippische Heimatblätter 1986 (Okt/Nov), S. 121 f.

Gerd Steinwascher, Judenverfolgung in Schaumburg 1933 - 1945, Hrg. Kreis-Volkshochschule des Landkreises Schaumburg, Verlag Publi Consult, Bückeburg, 1988

Spuren jüdischen Lebens in Schaumburg, Hrg. Autorengruppe der Kreisvolkshochschule Schaumburg, Bückeburg 1989

Gerd Steinwascher, Die Machtübernahme der Nationalsozialisten auf dem Land. Kontinuität und Machtwechsel am Beispiel Schaumburg-Lippe, in: Schaumburg-Lippische Mitteilungen 29/30 (1991), S. 151 - 194

H.Thies/U.Knufinke,H.Schlimme, Synagogen in Niedersachsen: Bückeburg, in: E.Mittler/B.Schaller (Hrg.), Jüdischer Glaube, jüdisches Leben, Göttingen 1996, S. 11 - 14

Geschichts-AG Klasse 10, Herderschule Bückeburg, Hilfe für jüdische Mitbürger kostete das Amt - Karl Wiehe, Bückeburgs Bürgermeister von 1912 - 1935, in: Schülerwettbewerb Deutsche Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten 1996/1997

Geschichtswerkstatt Herderschule Bückeburg (Hrg.), Die Kaufmannsfamilie Wertheim - Ein jüdisches Schicksal aus Bückeburg, Bückeburg 1998

Rotraud Ries (Red.), Bückeburg, in: Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Band 1, S. 363 – 372

Auflistung der Stolpersteine in Bückeburg, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Bückeburg

Klaus Maiwald/u.a., Bückeburg unterm Hakenkreuz – Broschüre zu einem Stadtrundgang, 2015 (auch als PDF-Datei vorhanden, enthält u.a. auch eine Auflistung der Stolpersteine mit biografischen Angaben zu den Familien)

Raimund Cremers, Friedhof hält Erinnerung wach, in: "Schaumburger Zeitung & Landeszeitung" vom 10.9.2015

Herbert Busch (Red.), Einkauf bei Juden völlig normal, in: "Schaumburger Zeitung & Landeszeitung" vom 18.5.2016

Klaus Maiwald/Maria Kryvolap (Red.), Juden aus der Sowjetunion finden neue Heimat, aus: „Schaumburger Zeitung & Landeszeitung“ vom 25.10.2016

N.N. (Red.), Alte Synagoge ist verkauft, in: "Schaumburger Nachrichten" vom 5.11.2017

Klaus Maiwald (Red.), Gedenktafel wird weiter kritisch gesehen, in: „Schaumburger Nachrichten“ vom 12.11.2017

Eingaben von Hans Ulrich Gräf an den Bürgermeister der Stadt Bückeburg betr. der Person von Karl Wiehe (Schreiben von 2018)

Raimunf Cremers (Red.), Würdige Gedenktafel für alte Synagoge, in: „Schaumburger Zeitung & Landeszeitung“ vom 20.2.2019

Michael Werk (Red.), Neue Gedenktafel an ehemaliger Synagoge eingeweiht, in: „Schaumburger Zeitung & Landeszeitung“ vom 3.6.2019